Eine 1. August-Geschichte

Am 5. Juli erfuhr ich, dass Frau Sommaruga die bundesrätliche 1. Augustwanderung mit der Schweizer Illustrierten zu den Beatushöhlen machen wird. Eine gute Chance, dachte ich mir, unsere Bundesrätin auf die Vision eines „ersten schweizerischen Klimadorfes“ aufmerksam zu machen; ist sie doch unsere Klimaministerin. Ich habe Kontakt aufgenommen mit der Kommunikationschefin von unserer Bundesrätin, Annette Bundi. Sie war interessiert und machte den Vorschlag, dass jemand von der C-Werk-Initiativgruppe in Merlingen zur Wandergruppe stossen und an der Stelle, wo diese den ehemaligen Kohleschleef kreuzen würde, die Geschichte erzählen würde vom Kohlenabbau in Beatenberg und deren Transport nach Bern zur Erleuchtung der Stadt. Allerdings – meinte Frau Bundi – könne sie nichts versprechen, das Programm sei schon sehr dicht.

Nun, es kam dann eine Absage. O.k., sagten wir uns, dann stellen wir wenigstens eine Informationstafel am Wanderweg auf. Roland Noirjean, der begnadete Grafiker, hat gleich ein nettes Plakat gestaltet und Thomas Tschopp das Plakat rechtzeitig aufgehängt. Eigentlich wollten wir zusätzlich als Blickfang noch einen antiken Transportschlitten aufstellen, mit Kohlensäcken beladen. Es gab sogar die Idee, dass Thomas und ich uns als Schlittner verkleiden und der bundesrätlichen Wanderkarawane an der besagten Stelle auflauern würden. Die Zeit war dann allerdings zu knapp, all die Sachen noch aufzutreiben.

Am 26. Juli schrieb ich Christian Mulle «heute ist die Sommaruga-Wanderung. Irgendwie bin ich überzeugt, dass sie beim Queren des Kohlenschleef von Xango (afrikanischer Donnergott) überfallen wird, wie damals Gessler in der Hohlen Gasse von Wilhelm Tell».

Am 30. Juli ging ich am Morgen zum Kiosk, um die Schweizer Illustrierte zu kaufen. Auf der Titelseite die Zeile: «1. August, unsere Leserwanderung mit Simonetta Sommaruga». Ich sehe die Bilder: die Hängebrücke von Sigriswil, Bauernbrunch, Beatushöhle. Aber nichts von der Tafel. Vielleicht im Text? So las ich: «… Der einheimische Jürg Zwalen, der gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Vereins Berner Wanderwege unsere Gruppe auf der vierstündigen Wanderung sicher ans Ziel bringen soll, schaut besorgt auf dem Smartphone den Wetterradar an: die letzten zehn Minuten hinauf zu den Beatushöhlen könnte es uns noch verhageln … die Bundesrätin geht auf Nummer sicher und steigt wie 40 weitere Wanderer in Merlingen in einen bereitstehenden Bus, der direkt zu den Beatushöhlen führt.

Man stelle sich vor, Thomas und ich hätten dort gestanden und gewartet, und niemand kommt des Weges. Vom Hagel verprügelt und puddelnass hätten wir schlussendlich unverrichteter Dinge abziehen müssen. Und man stelle sich vor, Gessler hätte damals auch den Bus genommen, wie wäre es wohl mit der Schweiz weitergegangen? Würde es den 1. August als Nationalfeiertag geben?

Was feiern wir eigentlich genau an diesem Tag, mit Reden, Höhenfeuern und Feuerwerk? Nun, letzteres ist schnell beantwortet, Feuerwerke bringen die Leute zum Staunen und sind weiterherum sicht- und hörbar. Doch sie gehören eigentlich nicht zur schweizerischen Tradition. Das Schwarzpulver, das die Feuerwerkskörper zum Sprühen bringt, wurde in China vor 1400 Jahren erfunden und wird aus Kohle hergestellt. Beatenberg hat zwar einst Kohle abgebaut, aber damals wurde damit die Stadt Bern erleuchtet, keine Feuerwerke hergestellt. Ein ältestes Dokument, das diesen Kohlenabbau dokumentiert, wird auf den 5. Januar 1771 datiert, deshalb kann Beatenberg dieses Jahr ein 250-jähriges Jubiläum feiern, so wie die übrige Schweiz am heutigen Tag ihr 730-jähriges Bestehen feiert. Gleich wie bei unserem Dorf bezieht sich auch das Datum des schweizerischen Nationalfeiertages auf ein Dokument: der Bundesbrief wird auf den 1. August datiert.

Zum Gründungsmythos unserer Schweiz gehören aber auch Personen, allen voran Wilhelm Tell und der Bruder Klaus. Letzterer war ein heiliger Eremit – gleich wie unser tapferer Beatus – den man für guten Rat aufsuchte. 1481 kam es auf der Tagsatzung in Stans zu einem schweren Konflikt zwischen Stadt- und Landorten und es drohte der Zerfall der Eidgenossenschaft. In der Nacht auf den 22. Dezember begab sich der Pfarrer von Stans zu Niklaus von Flüe und kam mit einem bis heute unbekannten Rat zurück. Der Pfarrer veranlasste die Ratsherren, nochmals zusammenzutreten, und richtete ihnen die geheime Botschaft des Einsiedlers aus. Daraufhin kamen die Ratsherren nach nur zwei Stunden zu einer Lösung.

Während Bruder Klaus wirklich lebte, ist Wilhelm Tell eine literarische Erfindung eines deutschen Schriftstellers – Schiller. Trotzdem erhielt diese Fiktion ein Denkmal in Altdorf, und schmückt den Schweizer-Fünfliber. Persönlichkeiten auf geprägten Geldstücken sind gute Werbeträger für ein Land. Auf unserem Zweifrankenstück ist eine Frau abgebildet – sie heisst Helvetia. Obwohl es nichts Schriftliches über diese Persönlichkeit gibt, hat sie den Namen gegeben für unsere Conföderatio Helvetica, und damit schlussendlich auch für .ch, die Domainendung für die Schweiz. Der Name Helvetia leitet sich vom Volk der Helvetier ab, die vor 3000 Tausend Jahren in der Schweiz siedelten; sie ist also sozusagen eine keltische Göttin und eine Art Landesmutter. Nur ist von ihr – trotz der Prägung auf dem Geldstück – nichts mehr erinnert; in keinem Geschichtsunterricht taucht sie auf. Ein klassisches Frauenschicksal.

Bei den Kelten hatten die Frauen einen grossen Stellenwert. Die Helvetia auf dem Geldstück ist mit Speer und Schild ausgerüstet. Aber eigentlich müsste man sie mit einem Kupferkessel abbilden, denn der Kupferkessel war das grosse heilige Gefäss der Kelten, das im Zuge der Christianisierung in Form des heiligen Grals und des Messekelches in Männerhände überging. Der ursprüngliche Kupferkessel hat sich aber bis heute behauptet, bei Astrix, und wie wir alle wissen, auf unseren Alpen. Seit Jahrhunderten wird in ihm über dem offenen Feuer aus Milch Käse hergestellt, eines der weltweit geschätzten Markenzeichen unseres Landes. Es waren auch jene Bergler, welche die Tradition des Höhenfeuers pflegten. Man sagt, diese Höhenfeuer hätten – wie das Alphorn und der Juchz auch – zur Kommunikation zwischen den einzelnen Alpen gedient und sie hätten eine mahnende oder warnende Funktion gehabt und an die brennenden Burgen nach der Befreiung aus der Knechtschaft erinnert. Die 1. Augustfeuer sind Erinnerungsfeuer.

Das Feuer war bei den Bewohnern Helvetiens ein wichtiger Bestandteil ihrer Rituale. Der Keltische Ritualkalender kennt 8 Feiertage. Vier davon fanden an den zwei Sonnenwendetagen und den zwei Tag- und Nachtgleichen statt. Die anderen vier jeweils 40 Tage danach. Drei von diesen Tagen werden in der der Schweiz gefeiert: der 1. November als Halloween, der 1. Mai als Tag der Arbeit, und der 1 August als Nationalfeiertag.

Am heutigen Tag werden sich wohl viele Reden rund die vergangene Corona Zeit drehen und zum Zusammenhalt nach einer Zeit der Quarantänen aufrufen.  Welche Redner oder welche Rednerin wird wohl heute auf den Zusammenhang zwischen das Wort Quarantäne und 1. August hinweisen und zu sprechen kommen? Der Begriff Quarantäne geht nämlich zurück auf die Zeit der Pest im 14. Jahrhundert. Diese stammte aus dem Mongolenreich und erreichte von dort über das Mittelmeer über den Seehandel Europa. Um die Pest einzudämmen, beschloss Venedig, ankommende Schiffe 40 Tage lang zu isolieren; die Schiffe lagen im Hafen, die Besatzung durfte aber nicht an Land. Von dieser Zahl 40 – italienisch «quaranta» – leitete sich die Quarantäne ab.

Wieweit diese Quarantäne aus dem Mittelalter etwas zu tun hat mit der 40-Tage-Frist jener keltischen Feiertage, wie es unser 1. August einer ist, wissen wir nicht. Aber wir sind froh, wieder Feste feiern zu können wie unseres 250-jährigen Erinnerungsfeier Ende August, wo wir bei Speis, Trank und Musik, und Geschichten hören und erzählen.

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