Die ersten Menschen von Beatenberg

Beatenberg ist mit seinen 7 km Länge nicht nur das «längste Dorf Europas», sondern mit einer Höhendifferenz von 1400 m zwischen Thunersee und Niederhorn auch ein ziemlich hohes. Und zählt man die Unterwelt dazu zählt, wahrscheinlich eines der durchlöchertsten.

Da ist einerseits das zweitgrösste Höhlensystem der Schweiz im Karstgebiet Beatenberg-Siebenhengste-Hohgant. Und unterhalb des Niederhorns finden sich die Stollen des ehemaligen Kohlenabbaus. Ausserdem gibt es insgesamt drei militärische Bunkeranlagen. Diese sind gut getarnt, während das grösste Loch, der riesige Krater des Balmholz-Steinbruches, nicht zu übersehen ist. Am bekanntesten sind aber die Beatushöhlen, ein Verbund von Tropfsteinhöhlen am Thunersee, die auf 1 km ins Innere begehbar sind.

Die Höhle, wie auch das Dorf, haben den Namen vom Heiligen Beatus, welcher der Legende nach einen Drachen aus der Höhle verscheucht hat, um selbst drinnen zu hausen. Nun ist der Beatus bei weitem nicht der erste, der einen Kampf gegen das Fabeltier ausfocht. Der Heilige Gregor ist nur einer der vielen Vorgänger; schon in der babylonischen Mythologie besiegt der Gottkönig Marduk einen Drachen. Es handelt sich bei der Beatusgeschichte also um ein «Palimpsest». So nannte man im Mittelalter ein wiederbenütztes Pergament, wo die alte Tinte abgeschabt und das Pergament neu beschrieben wurde und moderne Techniken es heute ermöglichen, den ursprünglichen Text sichtbar zu machen.

Neben dem Eingang zur Beatushöhlen befindet sich auch eine Halbhöhle.Die Chance ist gross, dass wenn man die Bodenschichten der Höhle abschaben würde, Spuren früherer Besiedlungen zum Vorschein kämen. Solche Halbhöhlen waren bevorzugte Wohnlage jener Menschen, die sich nach dem Rückzug der Gletscher beim ausgehenden Eiszeitalter in den Alpentälern ansiedelten. Bei Ausgrabungen im Muotatal beispielsweise stiess ein Forschungsteam in einer solchen Halbhöhle auf 12’000 Jahre alte Spuren menschlicher Besiedelung. Archäologen sind überzeugt, dass auch die Halbhöhlen bei der Balmfluh am Thunersee in diesem Zeitraum Menschen beherbergten und dass man deren Spuren finden würde, wenn man tief genug gräbt.

Wenn wir in der Zeitdimension tief genug graben, und die Menschheitsgeschichte bis zum Beginn vor ein paar Millionen Jahren zurückverfolgen, erscheint auf der „paläogenetischen Pergamentrolle“ ein Bild unserer Urahnen, das nach einer Korrektur der hergebrachten Vorstellung ruft. Mit den Kohlewelten erkunden wir nicht nur die Geschichte der Kohle und der Menschen, sondern damit eng verbunden auch eine Geschichte des Klimas.

 

Lucy in the Sky

Nach dem Frühstück am Lagerfeuer beklagte sich Luzia über Magenbeschwerden. Ein Glück, dass wir am Vorabend beim Kochen mit dem Pyrolyse-Brenner Pflanzenkohle hergestellt haben. So bot sich die Möglichkeit, die Wirkung der Kohle gleich auszuprobieren. Luzia nahm ein paar Kohlenstücke zu sich und zog sich unter ihre Plane zurück. Als Christian ihr einen Besuch abstattete, fand er eine Luzia mit kohleschwarzen Lippen. «Es wirkt», sagte Luzia lachend.

So ähnlich muss es Lucy ergangen sein, als sie vor 3,2 Millionen Jahren in Ostafrika eine Magenverstimmung mit Kohle behandelte – ein Trick, den sie bei Primaten abgeschaut hat. Lucy erhielt ihren Namen von den Archäologen, die sie in Ägypten gefunden haben und sie nach dem Beatles-Songs «Lucy in the Sky with Diamonds» so tauften. Die Forscher konnten damals nicht ahnen, dass der Kohlenstoff – aus dem Diamanten ja auch sind – dereinst in Form der Pflanzenkohle eine wichtige Rolle einnehmen wird.

Die pyrolytische Vergasung von Pflanzenmasse und das Einbringen der dabei entstehenden Pflanzenkohle in den Boden holt CO2 aus der Atmosphäre und bindet es. Und wenn sie mit Kompost zu Terra Preta verarbeitet wird, trägt sie darüber hinaus zum Wiederaufbau verlorenem Humus bei.

Geschichten der Landschaft

Wenn Andreas Sommer eine Sage erzählt, wird die Landschaft lebendig. Man sieht den Zwerg förmlich auf dem Ast des Kirschbaums sitzen und der Baumstrunk am Wegrand verwandelt sich in eine knorrige Sagengestalt. Brigitte Hirsig entführt mit Ihren Geschichten in eine Zauberwelt. Wenn sie erzählt ist es, als ob sich ein Vorhang lüftet und hinter der von Wäldern und Felsen geprägten Landschaft das Reich des Unsichtbaren durchschimmert. „Der Zwergenbaum“, „Vreni und die Kräuter“, „Pechvogel“, „Fischer vom Wendelsee“, „Bienenfrau“. So und noch anders heissen die Geschichten, Märchen und Sagen, die wir für unseren Themenweg „via sapiens“ aufgenommen haben. Diese Geschichten werden den 17 Stationen des Themenweges zugeordnet und können unterwegs oder an einem gemütlichen Platz gehört werden.

„Wir beginnen zu erkennen, dass das Geschichtenerzählen eine ursprüngliche Form des menschlichen Sprechens ist. Ein Diskursmodus, der die Gemeinschaft der Menschen stets aufs neue mit dem Land vermählt.“

David Abram, „Im Bann der sinnlichen Natur“.

Früchte – alle mögen sie

In dieser Blogserie finden sich Geschichten rund um die Umsetzung des Themenweges „Via Sapiens“ nach den 17 Kapiteln des Buches „Urmensch-Feuer-Kochen“

Zur Zeit, da das wilde Völklein in den Flühen und auf den Alpen Burgfeld und Gemmenalp noch sesshaft war, stund in einer Matte im Spirenwald ein alter, grosser Kirschbaum. Derselbe war ausserordentlich fruchtbar und trug alle Jahre, selbst in Fehljahren, die schönsten Kirschen. Man nannte ihn nur den Zwergenbaum, denn wie es heisst, war ein Bergmännlein mit der Bauernfamilie, der der Baum gehörte, eng befreundet und kam oft von den Bergen herunter zu ihr „z’Abesitz“. Am häufigsten fand es sich ein, wenn die Kirschen reif waren. Da ging es allemal nach dem Abendsitz zu jenem Kirschbaum, setzte sich auf den untersten Ast – immer auf den gleichen – ass da nach Herzenslust und trug alle an dem Aste noch übrigen Kirschen heim ins Gebirge. Merkwürdigerweise war der Ast jeden Morgen wieder „trübelt voll“. Die Leute, zu denen das Bergmännlein kam, wunderten sich, warum dasselbe nie etwas von seinem Kirschengewinnen sage. Eines Abends durchsägte der Eigentümer des Baumes teilweise den Ast. Und richtig, in derselben Nacht stürzte der Zwerg mit dem Ast zu Boden. Darauf trat das Bergmännlein vor das Fenster des Hauses besagter Familie und rief: Heute hierhar und nimmermehr dar! Von da an habe es sich nie wieder sehen lassen. Auch sei der Baum noch lange Zeit hernach gestanden, aber habe fortan keine einzige Kirsche mehr getragen.

Die Australopeciden lebten vor 4‘000‘000 in Afrika 

Von uns Früchten und Nüssen genossen sie das Fruchtfleisch

Inzwischen ging die Zeit vorbei und jener Kirschbaum steht längst nicht mehr in Beatenberg. Irgendwo lebt das Bergmännlein aber vielleicht immer noch und wartet darauf, dass wieder Menschen kommen, die einen neuen Kirschbaum pflanzen.

Seit kurzem steht nun ein neuer, junger Kirschbaum unterhalb des Hotels Beausite/Fassbind. Mit dem kürzlichen Zuzug der neuen Hotelbetreiber, der Familie Fassbind aus Zug, kamen weltbekannte Freunde der Kirsche nach Beatenberg.

Vor 820 Jahren  zogen die Vazpind, die – wie der Name „Fass-Binder“ sagt – den Beruf der Küfer ausübten – aus Holland an den Zugersee. Dort entwickelte sich in dieser Zeit die Kirschbaumkultur. Gemäss der Chronik haben die Fassbind  viele Auszeichnungen gewonnen: Ob in Italien wo 1860 König Vittorio Emanuele II bei der Medaillen Verleihung zum Ausspruch «La vita è più bella con il Kirsch Fassbind», hingerissen wird oder an der Weltausstellung in London 1862 an der Königin Victoria sehr trocken bemerkt «Very fruity this Fassbind Kirsch, is it not?» und in Österreich um 1873, wo Kaiser Franz Josef l begeistert in die Menge ruft «Fesch ist er, der Fassbind Kirsch», dem russischen Zar Nikolaus ll fehlen bei so viel Genuss gar die Worte, so dass er kurzerhand Fassbind zu seinem Hausbrand macht.

Wer weiss, vielleicht hört man auch in Beatenberg bald wieder Sätze wie: «La vita è più bella con il Kirsch Fassbind». Mit dem Spatenstich wurde jedenfalls ein erster Schritt gemacht. Der Platz in der Waldegg bietet den nötigen sonnigen Standort. Und mit Hilfe von Pflanzenkohlen-Substrat und Terra Preta ist auch für den von der Kirsche geliebten, nährstoffreichen, durchlässigen und feuchten Boden gesorgt.

Beitrag Jungfrauzeitung

 

Verbotene Frucht im Paradies?

In dieser Blogserie finden sich Geschichten rund um die Umsetzung des Themenweges „Via Sapiens“ nach den 17 Kapiteln des Buches „Urmensch-Feuer-Kochen“

Im Juni 2021 war ich mit dem Beatenberger Fotografen Fritz Bieri auf dem Themenweg unterwegs. Mit dabei hatte ich die Stecknadeln mit dem gelben Kopf und die von Hans-Peter Hufenus und mir vorbereitete Landkarte. Die gelben Stecknadeln wurden an den von uns vorgesehen Stationen in die Erde gesteckt. So fand bei einer verlassenen wirkenden Liegenschaft mit einem interessanten, wilden Garten uf Schmocken eine dieser Stecknadeln seinen Platz.

Einige der von uns so platzierten Stecknadeln verschwanden in den nächsten Monaten. Die Nadel bei diesem ominösen Haus aber blieb tapfer stehen. Viele Male bin ich dort auf dem Weg durchs Grön auf den Berg durchgefahren. Immer habe ich die Nadel gesehen, nie einen Menschen. Was ist das für ein Haus? Leben Menschen dort und wem gehört die Liegenschaft?

Im habe dann die Eigentümerin der Liegenschaft ausfindig gemacht und endlich sollte sich das Geheimnis lüften: Ich ging wieder zu dem Haus und siehe da, es hat Menschen dort. Eine Frau und ein Mann sitzen auf der Laube und trinken Kaffee. Ich gab mir einen Ruck, ging auf sie zu und grüsste freundlich. «Bist Du nicht der Christian Mulle?» schaute mich die Frau erstaunt an. Tatsächlich kannten wir uns aus früheren Zeiten, als wir zusammen in der gleichen Firma gearbeitet hatten. Kurzerhand luden sie mich zum Kaffee ein und ich erfuhr die Geschichte von diesem Haus. Es war das «Rock n Roll Chalet», wo vor 30 Jahren ein paar Musiker aus Bern dieses Haus mieteten und sich in unregelmässigen Abständen dort trafen um Musik zu machen und das Leben zu geniessen.

Vor 14‘000 Jahren begann die „Vertreibung aus dem Paradies“

War ich Bohne wohl die Frucht vom verbotenen Baum?

Als wir auf den Garten und die Ideen zu unserer «Bohnenstation» zu sprechen kamen, erwähnte meine Bekannte, dass seit einem Jahr eine Gärtnerin Mitmieterin sei und dass sie zu diesem Garten schaue.

«Wie heisst denn diese Gärtnerin?» Sie schrieb mir den Namen auf einen Zettel und ein paar Tage später sitzen wir also in der Gartenbauschule Hünibach. Wo Katrin Morina, die Hüterin des Gartens beim Rock n Roll Chalet, arbeitet.

«Bohnen sind cool! Da helfe ich gerne mit», sagt Katrin und ihre Augen strahlen. Die Oktobersonne scheint uns ins Gesicht und wir schmieden Pläne für die Station «Bohne» unseres «via sapiens».

Symposion

Der Begriff Symposium stammt vom griechischen Wort Symposion, das sinngemäss steht für gemeinsames, geselliges Trinken. „Der erste Schluck Wein aus einer die Runde machenden Schale wurde zu Ehren des guten Geistes, des Diamon getrunken. Anschließend wurden nur für das Symposion bestimmte Lieder gesungen. Man scheint sich überwiegend der geistigen Unterhaltung gewidmet zu haben: Man improvisierte Reden zu einem bestimmten Thema, löste Rätsel, die man sich gegenseitig aufgab, oder entschied sich für das beliebte Spiel, treffende Vergleiche zu finden“  Wikipedia

In dieser Tradition legte c-werk den Anlass vom 2. – 4. September in Beatenberg an; einen internationalen Pflanzenkohlenkongress mit dem nun schon zum zweiten Mal stattfindenden Kohlenfestival zusammenzulegen

Ist das gelungen? Diese Stimmen geben eine Antwort

Einer der Höhepunkte des Symposiums war der Vortrag von Hans-Peter Schmidt: Zurück in den Stollen

Yara Frank hat mit ihrer Kamera die Atmosphäre auf dem Festivalgelände eingefangen und einen Trailer zusammengestellt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Klimabier?

Nach dem Reinheitsgebot benötigt man zum Bierbrauen Braumalz, das aus Braugerste gewonnen wird. Die bei der Bierherstellung entstehenden Rückstände des Malzes nennt man Treber.

In Ringgenberg, wo Burgbier demnächst mit dem Bau einer neuen Brauerei beginnt, kommt bei der Firma Beo-Pellets ein Pyrolyseofen zu stehen. In Kombination mit einer Kompostieranlage wird dann mit der produzierten Pflanzenkohle Terra Preta hergestellt.

Damit kann ein interessanter Kreislauf hergestellt werden. Der Treber wird dem Kompostiergurt dazugegeben. Die Terra Preta kommt auf den Gerstenacker. Durch die Pyrolyse von Biomasse und das Einbringen der entstandenen Pflanzenkohle in die Erde wird der Atmosphäre CO2 entzogen.

Mit anderen Worten, die Brauerei Burgbier wird damit in die Lage kommen, ein Klimabier herzustellen. Die verwendete Pflanzenkohle wird sich Beochar nennen, d.h. Berner Oberländer Kohle. Und weil der englische Begriff für Pflanzenkohle Biochar heisst, klingt das sehr ähnlich.

Am Cholefestival vom 2. – 4. September in Beatenberg wird es neben dem Zapfbier auch ein mit Pflanzenkohle scharz eingefärbtes Bier geben.

Zermattkaffee

Wir sitzen in der Schmiedewerkstatt von Tizian Burgener in Steffisburg und trinken einen speziellen Kaffee, der aus einer Kaffeerösterei jenseits der Berner Alpen, nämlich aus Zermatt stammt. Christian Mulle hat ihn zubereitet; im Moka Pot auf dem kleinsten Pyrolyse-Kocher, den es gibt.

Der aus Italien stammende Moka Pot wurde von Luigi de Ponti erfunden und im Jahre 1933 für Alfonso Bialetti patentiert. Der Moka Pot hat in den letzten Jahren sein Comeback gefeiert, vor allen Dingen wegen der Einfachheit in seiner Bedienung. Hier kommen weder High-Tech-Maschinen noch komplizierte Elektronik oder Software zum Einsatz. Nichtsdestotrotz ist das Endprodukt ausgezeichnet;

der Kaffee ist sehr reichhaltig und delikat im Geschmack.

Bei der Kaffeeherstellung entstehen Biomassenrückstände, die pyrolysiert werden können. Der in Zermatt gerösteten Kaffee kommt aus einer Plantage in Minas Gerais, Brasilien, wo zur Verbesserung der Humusqualität Pflanzenkohle eingesetzt wird. Die «Fazenda da Lagoa» verfügt über eine 2000 Hektaren grosse Kaffeeplantage mit einem ganzen Dorf und eigenen Bussen, eigenen Labors, eigenem Klärwerk, eigenes Kompostierwerk, eigenen Wälder für das Brennholz für die Trocknungsöfen. Es wurde dort eine Kaffeesorte gezüchtet, die keine Schattenbäume braucht. Die Buschreihen sind so geschnitten, dass sie sich selbst beschatten.

Am Kohlenfestival wird dieser Kaffee mit Moka Pots auf den Pyrolysekochern gebraut

Neolithikum, Feuer und Tschernosem

Es ist schon eine eigenartige Geschichte mit den agrarisch gewordenen Menschen und der schwarzen Erde. Was war zuerst da? Das ist gar keine unberechtigte Frage…

Im allgemein gültigen wissenschaftlichen Verständnis gelten schwarze Tschernosem-Böden als unter kontinentalen Steppenklima, aus kalkreichen Lösserden und Überresten von Steppengräsern natürlich entstandene Erden. Unter den Bedingungen trockener, winterkalter und sommerheißer Wechsel der Witterung baut sich organisches Material sehr langsam ab und führt so zur Bildung Dauerhumus.

Besonders kohlenstoffreiche, unlösliche Anteile davon werden unter dem Begriff Humine zusammengefasst. Also jene Anteile des Humus, die der Pflanzenkohle in ihrer Funktion stark ähneln. (das C/N-Verhältnis 10-12 von Tschernosem ist praktisch ident mit der Terra Preta Amazoniens)

Doch die genauen Mechanismen, die zu dieser Art der Humifizierung führen, sind bis heute nicht vollständig geklärt. Humusforschung zu betreiben ist eben auch eine schwierige, extrem komplexe Angelegenheit. Letztendlich ist sie immer empirisch bzw. beobachtend geblieben, aufgrund der Tatsache, dass der Lebensraum Boden (Edaphon) von viel zu vielen verschiedenen Parametern (Temperatur, Nährstoffverhältnisse, Wasser, Luft, Bodenphysik, Ausgangsgestein, Licht, uvm.) beeinflusst wird. Ein Raum ständiger Auf-, Um- und Abbauprozesse, die noch dazu gleichzeitig ablaufen und speziell, wenn man bedenkt, dass schon ein Teelöffel voll Erde geschätzte 200 Meter an Pilzfäden und rund eine Milliarde verschiedenster Bakterien beherbergt. Es ist und bleibt ein großes Wunder, dieses unüberschaubare Spiel mit so vielen unterschiedlichen Mitspielern, verstandesmäßig kaum zu beherrschen.

Aber es gibt auch interessante Stimmen aus der Wissenschaft, die die Entstehung des Tschernosems dem Menschen und die Nutzung seines Verbündeten dem Feuer zuschreiben und in ihrer besonderen Schwärze zumindest teilweise einen pyrogenen Ursprung vermuten.

What does the ceramist have to do with the blacks

Dazu hätte ich auch noch ein Stück uraltes, heute christianisiertes, Brauchtumsrelikt entdeckt. Beim Nestiravo-Fest in Bulgarien tanzt man bis heute über glühende Kohlen bis sie erloschen sind, um so dieses Bündnis zwischen Menschen, Himmel, Feuer und Erde zu erneuern und so um Wohlergehen des Dorfes und Fruchtbarkeit zu bitten.

Doch dass die schwarze Erde und ihre Fruchtbarkeit andernorts immer wieder unersättliche Begehrlichkeiten hervorrief, zieht sich wie ein roter Faden durch eine langandauernde eurasische Geschichte und die unzähligen Lebensgeschichten der Menschen, die auf ihr lebten und leben.

Dazu ein Song der ukrainischen Band Dakh Daughters

Franz Schweinberger

In vino veritas

Wir wünschen allen Besuchern des Cholefestivals ein spannendes Symposium und freuen uns mit unseren Weinen dabei zu sein. Unsere Mosel-Weine sind Naturprodukte — sie stehen für ihre Herkunft, sind ehrlich und handwerklich gemacht. Sie sollen schmecken und einfach Freude bereiten! Richtig guter Wein braucht richtig guten Boden. Deshalb haben wir uns vor über zehn Jahren für den ökologischen Weinbau entschieden. Unsere wichtigsten Werkzeuge sind dabei die Einsaat von artenreichen Begrünungen und das Ausbringen von Komposten mit Pflanzenkohle.

Während meines Studiums habe ich in meinem Berufspraktischem Semester einige Monate bei Romaine und Hans-Peter Schmidt auf der Domaine de Mythopia Erfahrungen zu diesen Themen sammeln dürfen. In den vergangenen Jahren habe ich diese Techniken auf unseren Betrieb angepasst. Wir stellen unsere Biokohle vorwiegend selbst her.

Im Weinbau kommen große Herausforderungen auf uns zu. Die Veränderungen des Klimas sind jetzt schon deutlich spürbar. Von dem Einsatz der Begrünung in Verbindung mit der selbst hergestellten Terra Preta versprechen wir uns Vorteile beim Humusaufbau, bei der Wasserspeicherung für trockene Sommer, für die Artenvielfalt im Weinberg, zum Schutz vor Erosion, für gesündere Pflanzen, weniger Pflanzenschutz und nicht zuletzt bei der CO2-Speicherung. Wir denken, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind unsere Böden zu verbessern, und der Natur, den Bewohnern und Besuchern an der Mosel etwas Gutes zu tun.

Ein Prosit von der Mosel

Alexander Arns

Whiskey Time

Als ich ins literarische Alter kam, war Old Shutterhand mein erster Romanheld; aber bald folgten Billy Jenkins, Jerry Cotton, Billy the Kid und Wyatt Earp. Ich staunte immer wieder darüber, wie diese Helden der Prärie ihren Durst an Saloontheken löschten, indem sie Whisky in einem Schwung in ihre staubigen Kehlen kippten. Das waren schon hartgesottene Burschen. So einer wollte ich auch werden.

Viele Jahre später war es dann soweit; Route66 rief und ich verschiffte mich mitsamt meinem Motorrad nach Amerika. In der Schiffskombüse erhielt ich meine Whisky-Taufe. War schon ein hartes Zeug und ich schaffte nur kleine Züge. Es muss mir aber offensichtlich geschmeckt haben; jedenfalls schafften es ein paar Seeleute, mir zwei Flaschen – Schiffe sind ja dutyfree – anzudrehen.

So furchtlos wie meine alten Westernhelden war ich allerdings nicht, gleich in den Wilden Westen aufzubrechen. Ganz brav besuchte ich erst eine Sprachschule und so standen die beiden Red Label Flaschen vorerst mal in meinem Zimmerchen im Studentenheim. Statt nach einem Ritt in den Sonnenuntergang genoss ich den Blick auf den Sonnenuntergang am offenen Fester – das waren meine ersten Whiskey-Abende in Amerika.

So gingen die Tage dahin, und wie dann die erste Flasche zur Neige ging, flüsterte mir auf einmal eine Stimme ins Ohr: „Du wirst noch süchtig, wenn du so weitermachst!“. Das war’s dann – die zweite Flasche wurde einem Studienkollegen verkauft und meine Whisky-Karriere nahm ihr Ende. In den ganz seltenen Momenten, wo ich wieder einen Fingerhut Whisky bei Freunden probierte, kamen in mir sofort die Bilder jener Abende am offenen Fenster in Westside-Manhatten, wo sich der rote Abendhimmel im stillen Hudson River spiegelte.

Kürzlich wieder geschehen wie ich an einem Glas Jack Daniels nippte. Der Anlass war die Entdeckung, dass es einen Whiskey gibt, auf dessen Etikette zu lesen ist:

Mellowed for smoothness drop by drop through suger maple charcoal

Der Whiskey aus Tennessee fliesst also Tropfen für Tropfen durch eine Pflanzenkohleschicht vom Holz des Zuckerahorns und erreicht so seine Weichheit.

Heisser Video: Crafting Charcoal

Jack Daniels on the rocks am Cholefestival – Cheers!

 

 

 

¡Ah Chinampas!

Ich war ziemlich überrascht, als ich spätabends das Licht einschaltete und eine wunderschöne, große Libelle an der Wand in meiner Küche saß. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass ein Wasserwesen wie die Libelle ausgerechnet in einer Küche nach erholsam-kühlender Frische sucht. Aber auch kein Wunder – da draußen herrschen Backofentemperaturen von 36 Grad im Schatten, die Luft wirkt staubig. Es herrscht Dürre, die Erde ist wie verbrannt und die Aussicht auf eine selbst kümmerliche Ernte der herbstabräumenden Kulturen schwindet – wieder einmal – mit jedem Tag ohne Regen.

Ich weiß nicht ob die „Terra-preta Menschen“ Dürreerfahrungen hatten, doch folgten sie übers Meer kommend, den großen Wassern stromaufwärts und jedenfalls dürften sie ursprünglich Wirtschaftsflüchtlinge gewesen sein – so die allgemein anerkannte Vermutung. Interessant erscheint mir, dass sie sich ausgerechnet einen Ort des guten, zukünftigen Seins gewählt haben, wo es auf den ersten Blick ganz und gar nicht danach aussieht. Ja eine dauerhafte Ansiedlung sogar ausgesprochen unattraktiv und verrückt erscheint. Heute würde man dieses Vorgehen wahrscheinlich „Blaue-Ozean-Strategie“ nennen.

Genauso agierten die präkolumbianischen Völker des heutigen Mexikos, die Tolteken, die Azteken, etc., die sich in Sümpfen niederließen.

Sie errichteten darin sowas wie Kanalsysteme aus rechteckigen Garteninseln, die aus Stämmen, Flechtwerk und aufgefüllten schwarzen Sumpfschlamm aufgebaut wurden. Jahr für Jahr wurde eine neue Schlammschicht aufgetragen, die düngte ihre Feldfrüchte und Gemüse und war völlig unkrautfrei. Die Blaugrünen Algen des Supfwassers (neuere Bezeichnung Cyanobakterien; gelten als älteste Lebewesen der Erde) sorgen für üppige Stickstofffixierung, die sich dann am Grund absetzt. Fische, Jagdtiere und Moschusenten (eine der wenigen domestizierten Haustierarten der Amerikas) sorgten für fleischliche Genüsse. Im salzigen Texcoco See wuchs die Alge Spirulina maxima, die heute als teures Superfood vermarktet wird. Sie betrieben so für lange Zeit eine sehr verlässliche und die ertragreichste Form aller bisher bekannten Agrarsysteme überhaupt in bereichernden Zusammenspiel mit dem Naturraum Sumpf. Vielleicht ist es diese Art von beobachtender Lassenskraft, des Mit-Denkens Mit-Fühlens und dieser Art der Wahrnehmung folgender Formgebungen, die diese einzigartige Chinampas-Landschaft mitgestaltet hat und sowas wie ein Allheilmittel für so vieles sein könnte. Es ist diese andere Seite der „Terra preta“, andere Seite der Inkohlierung von organischem Material, neben der Pyrolyse mit dem Feuer, die mikrobielle Karbonisierung der sauerstoffarmen, wässrigen Tiefen der Meere, Sümpfe, Teiche, Seen. Irgendwo dort wurde wohl auch diese wunderbare Libelle, die in meiner Küche saß, geboren – wie schön…

Hier eine Szene aus dem Film „Ya No Estoy Aqui“ (Ich bin nicht mehr da) mit einem jungen Mexikaner, der dem Fluch der Gewalt, Aussichtslosigkeit, illegaler Migration und des „Plata o Plomo“ (Silber oder Blei) des heutigen Mexikos für kurze Zeit entflieht und die Cumbia tanzt, und sich dabei, vielleicht sogar an die schwarze Erde der alten Chinampas erinnert.

Franz Schweinberger