Der Zwerg im Kirschbaum

Kirschen – wenn diese süssen Früchte reif am Baum hängen, dann ist der Sommer da. Was für ein Abenteuer für uns Kinder, beim Eindunkeln – damit der Bauer uns nicht sieht – in den Kirschbaum zu steigen und zu stibitzen. Die Mutter hat das natürlich immer gemerkt, unsere blauen Zungen waren unübersehbar. Es gab zwar auch die wilden Kirschbäume, da wäre das Naschen erlaubt gewesen, doch deren Früchte waren zu sauer. Aber als Schmuck über die Ohren gehängt, waren sie ebenso gut zu gebrauchen wie die vom Baum des Bauern. Essbar war auch die in Hecken wildvorkommende Kornelkirsche, doch jene andere Kirsche im tiefen Wald, die so verlockend aussah, war gefährlich: die Tollkirsche.

Die Kirsche war aber nicht nur eine Frucht des Sommers, sondern auch eine des Winters. In Form von Kirschtorte und Schnaps stand sie auf dem sonntäglichen Nachmittagstisch, während mit Kirschkernen gefüllte Stoffkissen auf dem Kachelofen lagerten, um dann nachts als «Wärmeflaschen» die klammen Schlafkammern gemütlich zu machen. Und wenn dann ein in einen Wasserkrug gestellter Kirschbaumzweig weissen Blüten trieb, war klar; der nächste Frühling kommt bestimmt.

Als die ersten Sammler-Jäger in der Thunersee-Region auftauchten, waren die Menschen im Vorderen Orient bereits aus dem Paradies vertrieben und mussten ihre Obstgärten“ im Schweisse des Angesichts“ selbst anlegen. Das Gebiet um Südosteuropa und in Westasien ist auch die Heimat der Kirsche. Ausgrabungen haben dort Kerne der Vogelkirsche ans Tageslicht befördert. Sie gilt als Urform unserer Süsskirsche. Mit den Römern sind die heute bekannten kultivierten Formen bis nach Nordeuropa gekommen. Scheinbar haben sie dabei auch ihren Weg bis nach Beatenberg gefunden – mindestens erzählt davon die Sage vom Zwerg auf dem Kirschbaum:

Zur Zeit, da das wilde Völklein in den Flühen und auf den Alpen Burgfeld und Gemmenalp noch sesshaft war, stund in einer Matte im Spirenwald ein alter, grosser Kirschbaum. Derselbe war ausserordentlich fruchtbar und trug alle Jahre, selbst in Fehljahren, die schönsten Kirschen. Man nannte ihn nur den Zwergenbaum, denn wie es heisst, war ein Bergmännlein mit der Bauernfamilie, der der Baum gehörte, eng befreundet und kam oft von den Bergen herunter zu ihr „z’Abesitz“. Am häufigsten fand es sich ein, wenn die Kirschen reif waren. Da ging es allemal nach dem Abendsitz zu jenem Kirschbaum, setzte sich auf den untersten Ast – immer auf den gleichen – ass da nach Herzenslust und trug alle an dem Aste noch übrigen Kirschen heim ins Gebirge. Merkwürdigerweise war der Ast jeden Morgen wieder „trübelt voll“. Die Leute, zu denen das Bergmännlein kam, wunderten sich, warum dasselbe nie etwas von seinem Kirschengewinnen sage. Eines Abends durchsägte der Eigentümer des Baumes teilweise den Ast. Und richtig, in derselben Nacht stürzte der Zwerg mit dem Ast zu Boden. Darauf trat das Bergmännlein vor das Fenster des Hauses besagter Familie und rief: Heute hierhar und nimmermehr dar! Von da an habe es sich nie wieder sehen lassen. Auch sei der Baum noch lange Zeit hernach gestanden, aber habe fortan keine einzige Kirsche mehr getragen.

Inzwischen ging die Zeit vorbei und der Kirschbaum steht längst nicht mehr in Beatenberg. Irgendwo lebt das Bergmännlein aber vielleicht immer noch und wartet darauf, dass wieder Menschen kommen, die einen neuen Kirschbaum pflanzen.

In einem feierlichen Spatenstich zum neuen Themenweg „Via Sapiens“ wurde am 28. Juni in Beatenberg ein Kirschbaum gepflanzt.

Der Baum steht unterhalb des Hotels Beausite, das bald Hotel Fassbind heissen wird. Mit dem kürzlichen Zuzug der neuen Hotelbetreiber, der Familie Fassbind aus Zug, kamen jedenfalls weltbekannte Freunde der Kirsche nach Beatenberg.

Vor 820 Jahren nämlich zogen die Vazpind, die – wie der Name „Fass-Binder“ sagt – den Beruf der Küfer ausübten – aus Holland die Schweiz. Am Zugersee, wohin die Fassbind dann 1395 zogen, entwickelte sich in dieser Zeit die Kirschbaumkultur. In der Familien-Chronik ist zu lesen, dass die Fassbind die Erkenntnisse der in vielen Klöstern betriebenen Alchemie für die Herstellung ihres Kirsches nutzen. Gottfried Fassbind lI gründete 1846 im Alter von 17 Jahren die „Godefroi Fassbind, jeune, Distillerie de Kirschwasser“ in der Ortschaft Oberarth, am Fusse der Rigi. Das wart der Beginn der über Jahrhunderte hinweg andauernden Erfolgsgeschichte der ältesten Destillerie der Schweiz.

Gemäss der Chronik haben die Fassbind Fruchtbrände an nationalen und internationalen Ausstellungen viele Auszeichnungen und Medaillen gewonnen und gewinnen diese bis zum heutigen Tag: Ob in Italien wo 1860 König Vittorio Emanuele II bei der Medaillen Verleihung zum Ausspruch «La vita è più bella con il Kirsch Fassbind», hingerissen wird oder an der Weltausstellung in London 1862 an der Königin Victoria sehr trocken bemerkt «Very fruity this Fassbind Kirsch, is it not?» und in Österreich um 1873, wo Kaiser Franz Josef l begeistert in die Menge ruft «Fesch ist er, der Fassbind Kirsch», dem russischen Zar Nikolaus ll fehlen bei so viel Genuss gar die Worte, so dass er kurzerhand Fassbind zu seinem Hausbrand macht.

Wer weiss, vielleicht hört man auch in Beatenberg bald wieder Sätze wie: «La vita è più bella con il Kirsch Fassbind». Mit dem Spatenstich wurde jedenfalls ein erster Schritt gemacht. Der Platz in der Waldegg bietet den nötigen sonnigen Standort. Und mit Hilfe von Pflanzenkohlen-Substrat und Terra Preta ist auch für den von der Kirsche geliebten, nährstoffreichen, durchlässigen und feuchten Boden gesorgt.

Presse:

Berner Oberländer, 

Jungfrauzeitung

Chole-z’Mittag

„Was für eine schöne Idee und die Älplermaggaronen schmecken wunderbar.“

Das ruft mir eine einheimische Beatenbergerin mit einem Strahlen im Gesicht zu. Ich drücke ihr das Chole-Säckli als Geschenk in die Finger und erzähle nicht weniger strahlend vom Kohlenkreislauf.„Die Kohle in diesem Säckli entsteht während dem Kochen der Älpermaggaronen. Wenn mein Kochherd, der Pyrolyseofen ausgebrannt ist, lösche ich die Glut mit Wasser und das was übrig bleibt, ist beinahe reiner Kohlenstoff. Die pulverisierte Pflanzenkohle kannst Du fingerbreit am Boden deines Kompostkübelis einstreuen. Der Kompost stinkt und schimmelt nicht mehr und die Kohle nimmt die Nährstoffe und verbessert so die Qualität des Humus. Somit wachsen die Zwiebeln in deinem Garten besser und ein Kreislauf schliesst sich. Und das Beste am Ganzen: dadurch dass der Kohlenstoff im Boden bleibt und nicht als CO2 in die Luft raus geht, tust Du etwas fürs Klima.“

Ich bin mir nicht sicher, ob sie alles verstanden hat, was ich ihr erklärt habe. Aber sie blickt neugierig drein und verspricht, dass sie das ausprobieren will.

Und sie komme wieder vorbei. Zum Älplermaggaronen-Schmaus und um noch mehr über regenerative Kreisläufe zu erfahren.

Jeden Mittwoch Mittag ab 12 Uhr im Burgfeld-Bistro Beatenberg.

 

Licht ins Dunkel

„Wenn wir nachts durch die hellerleuchteten Gassen und Lauben gehen, können wir uns kaum vorstellen, wie finster die Stadt früher einmal war. Höchstens das Finstergässchen erinnert ein wenig an die alten Zeiten, als der Berner Rat sich häufig mit den Folgen der nächtlichen Dunkelheit befassen musste. Leute stolperten und stürzten, es gab zahlreiche Arm- und Beinbrüche und Raubüberfälle von fremdem Gesindel. Wer nach 9 Uhr abends die Gassen ohne Laterne betrat, erhielt eine Gefängnisstrafe, und noch im 18. Jahrhundert mussten sich die vornehmen Damen abends von ihren Dienstmädchen begleiten lassen, die ihnen mit sogenannten Visitenlaternen den Weg durch die dunklen Lauben zündeten“

„Gestern Abend hat man zum ersten Mal versuchsweise das Gas „losgelassen“. Vom Zeitglockenturm bis zur Nydegggasse war alles blendend hell erleuchtet, aber es verbreitete sich überall ein Kadavergestank. Man glaubt in einigen Tagen die ganze Stadt beleuchten zu können“. Nachdem an verschiedenen Stellen undichte Leitungen geflickt worden waren, glückte am 25. April 1843 endlich die Sensation jener Jahre: Bern – als erste Schweizer Stadt war hell erleuchtet“*

Dass es die Kohle, welche die Stadt Bern zum Leuchten brachte,  aus dem Berner Oberland, unter anderem aus Beatenberg stammt, wird in diesen Erzählungen nicht erwähnt. Die Ferrger, welche am Niederhorn in den Stollen schufteten, und die Schlittner, die auf dem „Kohlenschleef“ nach dem Transport der Kohle zum Thunersee die gebuckelten Holzschlitten wieder den Berg hinauf stemmten – keine Beachtung wert. Das Projekt C-Werk will das ändern und jenen Ungewürdigten einen sichtbaren Platz in der Geschichte verschaffen.

Am Pilgerpfad zur Beatushöhle, auf welchem Bundesrätin Sommaruga am 26. Juli mit ihrer Erst-Augustwanderung den alten Kohlenschleef kreuzte, wurde eine Erinnerungstafel angebracht. Sie durfte dort zwar nur kurzfristig hängen, weil es eigentlich der Platz einer anderen Tafel ist, eine Infotafel zum Heartbeattrail, welcher am 29. Juli eingeweiht wird und welcher in seiner Linienführung dem alten Kohlenschleef folgt.

Annekdoten aus jener Zeit werden am Chole-Festival vom 21./22. August in Beatenberg erzählt von Ueli Wenger, Rainer Kündig und Sabina Fischer.

*Aus Berner Gassen: Eduard Rieben, Barbara Traber

Entstehungsgeschichte: Stecknadeln in der Landschaft

Wenn sie in der Landschaft von Beatenberg unterwegs sind, begegnen sie da und dort einer überdimensionalen Stecknadel mit einem gelben Kopf. Wir vom c-werk freuen uns, wenn sie die Nadel stehen lassen, denn sie markiert ein Kapitel aus einem „begehbaren Buch“. Eine Projekt im Rahmen der c-werk-Initiative.
Nun aber der Reihe nach.
Im September 2020 traf ich mich mit Roland Noirjean. In meinem Rucksack hatte ich eine Ideenskizze für einen Themenweg in der Beatenberger Landschaft dabei. Um die Mensch-Natur Beziehung soll es auf diesem Weg gehen, touristisch nutzbar, jedoch mit Bildungsanspruch und das alles eingebettet in eine Vision zum „gelingenden Leben*“. Roland hörte mir interessiert zu. Seine Augen leuchteten und er meinte: das müssen wir sachte angehen, Schritt für Schritt.
So wurden im Rahmen von zwei Workshops die bestehenden Wander-und Bikewege unter die Lupe genommen. Mitgewirkt haben rund 12 Vertreter*innen aus der Gemeinde, dem Tourismus, dem Bauwesen und Spezialist*innen zu Fragen rund um die Wege.
„Das Tourismusangebot mit den Wanderwegen im Beatenberg ist vielfältig und gut unterhalten. Vernetzt denken und die Kooperation unter den Beteiligten fördern ist wichtig.“ Das war eine wichtige Erkenntnis und das Vorhaben wurde unter das Dach des Ortsentwicklungsprozesses „Beatenberg belebt“ gestellt. Eine Arbeitsgruppe „Freizeit- und Tourismusinfrastrukturen“ ist gebildet.
Den Faden, diesen Weg zu realisieren, wollte ich weiterspinnen. So beschloss ich im November 2020 Hans-Peter Hufenus auf den Beatenberg einzuladen. Er forscht schon seit vielen Jahren in den tiefen Schichten der Mensch-Natur Beziehung und ich wusste, dass er ein Buch geschrieben hat, welches im Frühling 21 erscheinen soll. Auf unserem gemeinsamen Spaziergang wurde dann rasch klar, dass die Verbindung zwischen dem Buch und dem Weg durch die Beatenberger Landschaft eine heisse Spur sein könnte.
In der darauf folgenden Besprechung mit Roland Noirjean, Gemeindepräsident von Beatenberg, und Thomas Tschopp, dem Leiter von Beatenberg Tourismus, tauchte dann die Kohle auf …
Das ist eine andere Geschichte 😉
Das Projekt des Themenweges hat sich in die Idee eines „begehbaren Buches“ gewandelt. Das Buch „Urmensch-Feuer-Kochen“ erzählt auf schmackhafte Weise und angereichert mit persönlichen Erlebnissen und Kochrezepten, 17 Etappen der Menschheitsentwicklung. Die Stecknadeln in der Landschaft stehen für einen Lernraum in der Landschaft. 17 Stecknadeln, 17 Lernräume verknüpft mit den 17 Kapiteln des Buches. An den Plätzen, wo jetzt die Stecknadeln stehen, wird auf interaktive Art und Weise Wissen vermittelt und zum Handeln und Entdecken eingeladen.
Bei Fragen und Anregungen melden sie sich bitte unter info@c-werk.ch.

Wir halten sie hier auf dem Laufenden!

Christian Mulle

 

*Der Begriff des gelingenden Lebens stammt aus dem Buch „Resonanz“ von Hartmut Rosa, Suhrkamp, 2019