Kohleabbau in Beatenberg

Vor 250 Jahren wurde in Beatenberg Kohle abgebaut. Wie ging das vor sich und welche Arbeiten waren zu tun?

(Text aus Kohlenabbau auf Beatenberg, Minaria Helvetica 27a/2007; Autoren: Ueli Wenger und Rainer Kündig) 

Von den verschiedenen Aufgaben im Bergbau sind hier zwei Tätigkeitsbereiche herausgegriffen.

Es sind dies die Arbeitsbereiche der Hauer und der Schlittner. Heute noch zeugen Spuren in den Stollen und in der Umgebung von dieser harten Arbeit.

So muss man sich den Kohlenabbau im Stollen vorstellen. Eine typische Dreiergruppe von Hauer, Klauber und Sortierer an der Arbeit.

Hauer, Klauber und Sortierer
Hauer waren für den Abbau von Kohle und Nebengestein in den Stollen verantwortlich.
Mit Spitzhacken von etwa einem Meter Länge wurde die Kohle aus dem Flöz geschlagen, nachdem dieses, je nach Lage von unten oder von oben her, freigelegt wurde. Die kohleführenden Schichten waren am Niederhorn und am Gemmenalphorn im Durchschnitt lediglich zwischen 10 und 20 Zentimeter mächtig, manchmal sogar noch viel weniger. Um einen Abbau von Menschenhand überhaupt zu ermöglichen, brauchte es etwa 60 Zentimeter Abbauhöhe (Beatenberg 50–70 Zentimeter, Kohlenbergwerke im Mittelland ca. 80 Zentimeter). Erschwerend kam dazu, dass auf Beatenberg die Kohlenflöze entsprechend dem allgemeinen Einfallen der Gesteinsschichten mit rund 20 bis 30 Grad Neigung mässig steil verlaufen. Die Hauer mussten seitlich auf dem Fels liegend abbauen. Ein Drehen während der Arbeit war oft nur sehr schwer oder nicht möglich. Man unterschied deshalb oft auch sogenannte Rechtshauer und Linkshauer.

Ausschnitt aus dem Plan der Ober und Nieder-Horn-Alpen und der daselbst befindlichen Steinkohlen- Bergwerken im Gemeindbezirk St. Beatenberg. District Unterseen, Canton Bern. Gemessen und gezeichnet im Jahr 1802 durch C. E. Zöller. (Bild erhalten von Prof. H. A. Stalder, Quelle: Naturhist. Museum Bern).

Das von den Hauern gelöste Material wurde noch im Stollen geklaubt (Trennung von Kohlenstücken und Nebengestein) und für den Transport sortiert. Die Kohlenstücke wurden in Säcke zu einem Zentner (damals etwa 50 kg) gepackt, fest verschnürt und zum Stollenmund getragen. Der Anfall von unnützem Fels und Geröll war wegen der geringen Flözmächtigkeit natürlich sehr gross. Das Wegräumen des Abraumes gehörte auch zur Aufgabe dieses Teams. Das Kleingestein wurde in die ausgebeuteten Teile des Stollens geschaufelt. Mit den grösseren Felsbrocken wurden davor Versatzmauern gebaut, dies auch im Sinne der Sicherheit als Deckenstützen oder als Wände gegen nachrutschendes Geröll. Da es unmöglich war, alles Material im Stollen zu verbauen, musste es mühsam nach draussen geschafft werden. Davon zeugen die heute noch sichtbaren Halden vor den Stollenmundlöchern.
Die Kohlensäcke wurden vor dem Stollen deponiert und vor Feierabend von den Hauern und Klaubern zum Sammelplatz über das Fyrabeweglein auf den Gemschigrat geschultert. Nur wer unten bei den Stollen steht und zum Grat hinauf schaut, kann sich vorstellen, wie schwer, hart und gefährlich diese Transportarbeit war. Oben angelangt wurden die Säcke in einem trockenen Unterstand zwischengelagert.
Von diesen Unterständen, die auf einer Kartenzeichnung von 1802 Zöllner verzeichnet sind, konnten leider keine Spuren mehr gefunden werden.

Kohlenfergger (Schlittner) bei der schweren Abfahrt im Bergwald. Das Bild nach einem Holzschnitt von 1750 stammt vom Gonzen bei Sargans, wo Eisenerz in der gleichen Art und Weise wie die Kohle auf Beatenberg zu Tal gefördert wurde.

Schlittner, Fergger
Vom Zwischenlager auf dem Gemschigrat bei der Knappenhütte wurden die Kohlensäcke von den Schlittnern übernommen und auf Hornschlitten (Horig) geladen. Etwa 300 Kilogramm (6 Säcke) bildeten eine Ladung. Der Schlitten wurde vom Kohlefergger an den Hörnern gepackt und ab ging die Fahrt Richtung Thunersee. Der so genannte Kohleschleef (Kohlenschleif) führte mit stetigem Gefälle und ohne Stufen durch den Wald hinunter auf die Alp Vorsass. Dann, steil nach der Bodenalp über die  Schmockenbührt zum Birchi, dann durch den steilen Bergwald, vorbei am Chalchofen, über die Weide des  bnett, über den Verbindungsweg Merligen-Interlaken (heutiger Pilger- respektive Jakobsweg) hinunter zur Beatenbucht. Dort wurde die Kohle im Magazin gelagert und per Nauen (Schiff), später auch per Fuhrwerk, nach Thun spediert.
Die Schlitten wurden wieder bergwärts geschultert. Unterwegs waren Rastplätze, so zum Beispiel die obere Leui, wo 2005 der dort vorhandene Chalchofen restauriert worden ist. Hier traf man sich oft zu einem Schwatz; der Bäcker, der Metzger und andere Träger aus Merligen und Beatenberg, denn alle Lebensmittel, die nicht vom eigenen Land oder Stall kamen, mussten steil den Berg hinauf getragen werden.

[Ein Dossier zu allen Aspekten des Kohlevorkommens in Beatenberg und Umgebung kann man hier downloaden]

Stecknadeln in der Landschaft

Wenn sie in der Landschaft von Beatenberg unterwegs sind, begegnen sie da und dort einer überdimensionalen Stecknadel mit einem gelben Kopf. Wir vom c-werk freuen uns, wenn sie die Nadel stehen lassen, denn sie markiert ein Kapitel aus einem „begehbaren Buch“. Eine Projekt im Rahmen der c-werk-Initiative.
Nun aber der Reihe nach.
Im September 2020 traf ich mich mit Roland Noirjean. In meinem Rucksack hatte ich eine Ideenskizze für einen Themenweg in der Beatenberger Landschaft dabei. Um die Mensch-Natur Beziehung soll es auf diesem Weg gehen, touristisch nutzbar, jedoch mit Bildungsanspruch und das alles eingebettet in eine Vision zum „gelingenden Leben*“. Roland hörte mir interessiert zu. Seine Augen leuchteten und er meinte: das müssen wir sachte angehen, Schritt für Schritt.
So wurden im Rahmen von zwei Workshops die bestehenden Wander-und Bikewege unter die Lupe genommen. Mitgewirkt haben rund 12 Vertreter*innen aus der Gemeinde, dem Tourismus, dem Bauwesen und Spezialist*innen zu Fragen rund um die Wege.
„Das Tourismusangebot mit den Wanderwegen im Beatenberg ist vielfältig und gut unterhalten. Vernetzt denken und die Kooperation unter den Beteiligten fördern ist wichtig.“ Das war eine wichtige Erkenntnis und das Vorhaben wurde unter das Dach des Ortsentwicklungsprozesses „Beatenberg belebt“ gestellt. Eine Arbeitsgruppe „Freizeit- und Tourismusinfrastrukturen“ ist gebildet.
Den Faden, diesen Weg zu realisieren, wollte ich weiterspinnen. So beschloss ich im November 2020 Hans-Peter Hufenus auf den Beatenberg einzuladen. Er forscht schon seit vielen Jahren in den tiefen Schichten der Mensch-Natur Beziehung und ich wusste, dass er ein Buch geschrieben hat, welches im Frühling 21 erscheinen soll. Auf unserem gemeinsamen Spaziergang wurde dann rasch klar, dass die Verbindung zwischen dem Buch und dem Weg durch die Beatenberger Landschaft eine heisse Spur sein könnte.
In der darauf folgenden Besprechung mit Roland Noirjean, Gemeindepräsident von Beatenberg, und Thomas Tschopp, dem Leiter von Beatenberg Tourismus, tauchte dann die Kohle auf …
Das ist eine andere Geschichte 😉
Das Projekt des Themenweges hat sich in die Idee eines „begehbaren Buches“ gewandelt. Das Buch „Urmensch-Feuer-Kochen“ erzählt auf schmackhafte Weise und angereichert mit persönlichen Erlebnissen und Kochrezepten, 17 Etappen der Menschheitsentwicklung. Die Stecknadeln in der Landschaft stehen für einen Lernraum in der Landschaft. 17 Stecknadeln, 17 Lernräume verknüpft mit den 17 Kapiteln des Buches. An den Plätzen, wo jetzt die Stecknadeln stehen, wird auf interaktive Art und Weise Wissen vermittelt und zum Handeln und Entdecken eingeladen.
Bei Fragen und Anregungen melden sie sich bitte unter info@c-werk.ch.

Wir halten sie hier auf dem Laufenden!

Christian Mulle

 

*Der Begriff des gelingenden Lebens stammt aus dem Buch „Resonanz“ von Hartmut Rosa, Suhrkamp, 2019